Angelika Birck
Angelika Birck
16.11.1971 - 7.6.2004

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Die meisten dieser Gedichte wurden von Angelika selbst aus Büchern von Erich Fried oder anderen Quellen herausgeschrieben (mit Ausnahme von Was war das?, American Indian und Totentanz für Liebende)! (Note for English speakers: some of the poems below by Erich Fried are available in English, too, e.g. those collected by Matthias Kaldenbach.)

Was es ist (Erich Fried):

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Meine Wahl (Erich Fried):

Gesetzt ich verliere Dich    
und habe dann zu entscheiden     
ob ich Dich noch ein Mal sehe   
und ich weiß:    
Das nächste Mal      
bringst Du mir zehnmal mehr Unglück    
und zehnmal weniger Glück       

Was würde ich wählen? 

Ich wäre sinnlos vor Glück    
Dich wiederzusehen

Ohne Dich (Erich Fried):

Nicht nichts
ohne dich
aber nicht dasselbe

Nicht nichts
ohne dich
aber vielleicht weniger

Nicht nichts
aber weniger
und weniger

Vielleicht nicht nichts
ohne dich
aber nicht mehr viel

Trennung (Erich Fried):

Der erste Tag war leicht
der zweite Tag war schwerer
Der dritte Tag war schwerer als der zweite

Von Tag zu Tag schwerer:
Der siebente Tag war so schwer
daß es schien er sei nicht zu ertragen

Nach diesem siebenten Tag
sehne ich mich
schon zurück

Erwägung (Erich Fried):

Ich soll das Unglück
das ich durch dich erleide
abwägen
gegen das Glück
das du mir bist

Geht das nach Tagen
und Stunden?
Mehr Wochen
der Trennung
des Kummers
des Bangseins nach dir
und um dich
als Tage des Glücks

Aber was soll das Zählen?
Ich habe dich lieb

Was weh tut (Erich Fried):

Wenn ich dich 
verliere 
was tut mir dann weh?

Nicht der Kopf 
nicht der Körper 
nicht die Arme 
und nicht die Beine 

Sie sind müde 
aber sie tun nicht weh 
oder nicht ärger 
als das eine Bein immer wehtut 

Das Atmen tut nicht weh 
Es ist etwas beengt  
aber weniger 
als von einer Erkältung 

Der Rücken tut nicht weh 
auch nicht der Magen 
die Nieren tun nicht weh 
und auch nicht das Herz 

Warum 
ertrage ich es 
dann nicht 
dich zu verlieren? 

Was war das? (Erich Fried):

Ohne dich sein
ganz ohne dich

und langsam
zu vergessen beginnen
wie es mit dir war
ganz mit dir

und dann halb
halb mit und halb ohne

und ganz zuletzt
ganz ohne

Eine Leichenrede (Kurt Marti):

als sie mit zwanzig
ein kind erwartete
wurde ihr heirat
befohlen  

als sie geheiratet hatte
wurde ihr verzicht
auf alle studienpläne
befohlen  

als sie mit dreißig
noch unternehmungslust zeigte
wurde ihr dienst im hause
befohlen  

als sie mit vierzig
noch einmal zu leben versuchte
wurde ihr anstand und tugend
befohlen  

als sie mit fünfzig
verbraucht und enttäuscht war
zog ihr mann
zu einer jüngeren frau  

liebe gemeinde
wir befehlen zu viel
wir gehorchen zu viel
wir leben zu wenig  

Die Wissenschaft (Christian Morgenstern):

So beschließen beide denn
nach so manchem Doch und Wenn,
       
sich mit ihren Theorien
vor die Wissenschaft zu knien.
       
Doch die Wissenschaft, man weiß es,
achtet nicht des Laienfleißes.
        
Hier auch schürzt sie nur den Mund,
murmelt von "Phantasmen" und
       
beugt sich wieder dann auf ihre
wichtigen Spezialpapiere.
       
"Komm", spricht Palmström, "Kamerad, -
alles Feinste bleibt - privat!"

Der Vergeß (Christian Morgenstern):

Er war voll Bildungshung, indes,
soviel er las
und Wissen aß,
er blieb zugleich ein Unverbeß,
ein Unver, sag ich, als Vergeß;
ein Sieb aus Glas,
ein Netz aus Gras,
ein Vielfraß -
doch kein Haltefraß. 

Siehe, auch ich - lebe (Christian Morgenstern):

Also ihr lebt noch, alle, alle, ihr,
am Bach ihr Weiden,
und am Hang ihr Birken,
und fangt von neuem an,
euch auszuwirken,
und wart so lang nur Schlummernde, gleich - mir.

Siehe, du Blume hier, du Vogel dort,
sieh, wie auch ich von neuem mich erhebe...
Voll innern Jubels treib ich Wort auf Wort...
Siehe, auch ich, ich schien nur tot. Ich lebe!

Das folgende Gedicht wurde von Mitarbeitern des BZFO ausgesucht und am 24. Juni 2004 während der Gedenkfeier in ihren eigenen Räumen ausgehängt.

American Indian:

Steh' nicht weinend an meinem Grab,
ich bin nicht dort unten,
ich schlafe nicht.

Ich bin tausend Winde, die weh'n,
ich bin das Glitzern der Sonne im Schnee,
ich bin das Sonnenlicht auf reifem Korn,
ich bin der sanfte Regen im Herbst.
Wenn Du erwachst in der Morgenfrühe
bin ich das schnelle Aufsteigen der Vögel 
im kreisenden Flug.
Ich bin das sanfte Sternenlicht in der Nacht.

Steh' nicht weinend an meinem Grab,
ich bin nicht dort unten,
ich schlafe nicht.

Das folgende Gedicht hat Silvia Schwaiger-Wöll am 26. Juni 2004 während der Beisetzung in Dornbirn vorgetragen.

Totentanz für Liebende (Harry Scott Holland):

Der Tod bedeutet überhaupt nichts.
Ich bin einfach in einen anderen Raum entschwunden.
Ich bin ich und du bist du.
Was wir füreinander waren, sind wir noch.

Ruf mich bei meinem alten, vertrauten Namen —
sprich mit mir auf die unbesorgte Art und Weise,
wie du es immer gemacht hast.

Mach keinen Unterschied in deinem Ton.
Laß keine gezwungene Ernsthaftigkeit aufkommen.
Lache, wie immer wir gelacht haben —
über die Späße, über die wir uns gefreut haben.

Bete, lächle, denk an mich — bete für mich.

Laß meinen Namen so vertraut bleiben,
wie er immer war.
Laß ihn gesprochen werden — ohne Effekt —
ohne daß die Spur des Schattens darüberliegt.

Das Leben bedeutet alles, was es immer bedeutet hat.
Es ist gleich, wie es immer war.
Die Kontinuität bleibt ungebrochen.

Warum soll ich aus deinen Gedanken sein,
nur weil du mich nicht siehst?

Ich warte auf dich in der Zwischenzeit,
irgendwo ganz nahe — gerade um die Ecke.

Alles ist gut.

(c) Dinu Gherman – last change: 2005-05-03 09:55 CET,
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